Ich möchte endlich wieder nachhause!

Wie mich meine Krankheit in die Forensik führte

(Barbara Koller)

1 Jahr, 10 Monate, 9 Tage. Eingesperrt!!!!
Eingesperrt in der Forensik.
Fast zwei Jahre Freiheitsentzug-Strafe-Qual- Kampf.
Für diejenigen, die nicht wissen, was der Begriff „Forensik“ bedeutet- auf einer forensischen Station werden Patienten angehalten, die aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Straftat begangen haben. Das sind Menschen, die zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig waren und daher schuldunfähig sind. Ein anderer Ausdruck für Forensische Anstalt, der nicht widerwärtiger und unangemessener sein könnte, ist „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“.
Viele werden jetzt bestimmt denken: “Das sind abartige Monster, Aliens, die es verdient haben, eingesperrt zu werden.“
Das ist vermutlich gar keine unnatürliche Reaktion, doch sie lässt außer Acht, dass die betreffenden „Straftäter“ selbst Opfer sind. Opfer ihrer (verzerrten) Wahrnehmung.
Ist es nicht so, dass unsere Wahrnehmung unser ganzes Leben bestimmt? Unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Taten sind von unserer Wahrnehmung abhängig und damit unsere universelle Existenz. Nicht wir steuern unsere Wahrnehmung, sondern unsere Wahrnehmung steuert uns! Das heißt, wir haben keine Kontrolle über unser Gehirn, unser Gehirn kontrolliert vielmehr uns.
Damit steht auch fest, dass es jeden von uns treffen kann, keiner ist „vor seiner Wahrnehmung sicher.“ Dem widerspricht, dass viele Menschen denken, dass psychisch kranke Straftäter geistig abartige Menschen sind( so steht es übrigens auch im Strafgesetzbuch!!!)
Dies ist meiner Meinung nach ein Missstand, der einer gründlichen Aufklärung und grundlegenden Änderung bedarf.
Denn die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit uns umgeht, ihre abwehrende und diskreditierende Einstellung gegenüber psychischen Krankheiten und ihren Folgen, ist alles andere als heilend oder helfend. Wir müssen uns immer bewusst machen welch tiefe seelische Nöte und Ängste, welch erschütternde Qualen und Schmerzen mit einer psychischen Erkrankung und etwaigen darauf folgenden Straftaten verbunden sind. Die betroffenen Patienten werden eingesperrt, während sie selbst schwer traumatisiert sind.
Doch wie kam es nun dazu, dass ich selbst in dieser Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher gelandet bin? Hier kommt meine Geschichte.
Meine Krankheit begann während meiner Studienzeit in Wien- ich studierte dort zehn Semester Psychologie, legte während dieser Zeit aber keine einzige Prüfung ab.
Das Resultat war, dass ich mich immer stärker zurückzog, verkapselte- aufgrund meines Versagens und den damit verbundenen Scham- und Schuldgefühlen lebte ich in totaler Isolation wie ein Einsiedler.
Das Einzige, was mir Kraft gab, war meine Phantasie, die nicht schöner und intensiver hätte sein können. Schon bald lebte ich nur noch in meiner Traumwelt und konnte zwischen Phantasie und Realität nicht mehr unterscheiden.
Zuerst waren es nur Größenideen, die Paranoia kam erst später. Als sie kam, ging der Horror erst richtig los.
In den schlimmsten Wahnvorstellungen gefangen irrte ich im Winter nachts durch fremde Wälder, lebte auf der Straße. Ich hatte grauenvolle Ängste, meine imaginären Verfolger würden mich finden und auf grausamste Weise quälen. Darüber hinaus hörte ich Stimmen, die mir befahlen mich umzubringen, sie machten mich glauben, der Teufel zu sein und drohten mir die furchterregendsten Strafen an(zum Beispiel, dass ich vor laufenden Kameras als Teufel verbrannt würde), sollte ich nicht gehorchen. Wie unvorstellbar schrecklich es sich anfühlt, wenn man glaubt der Teufel zu sein, kann durch Worte nicht einmal angedeutet werden. Es passte zu dem Selbstkonzept des isolierten Außenseiters, das ich entwickelt hatte. Ich dachte, alle würden mich hassen und verachten und wollen, dass ich für meine vermeintlichen Gräueltaten bestraft würde. Ich bettelte und flehte um Vergebung, die Stimmen spielten mit meinen Ängsten. Mir blieb fast das Herz stehen, als sie behaupteten, ich wäre Hitler gewesen und würde, als man mich ins Krankenhaus brachte, dort vergast werden.
Ich dachte, ich würde zu meiner Hinrichtung fahren.
Schließlich bekam ich im Krankenhaus Medikamente und es ging mir für kurze Zeit wieder besser. Die Diagnose lautete: Paranoide Schizophrenie.“
Doch schon bald kam der Wahn mit der gewohnten Heftigkeit zurück. Ich dachte wiederum, dass alle mich hassen würden und wollen würden, dass ich gequält werde, diesmal aber aus einem anderen Grund. Die Stimmen redeten mir ein, alle Menschen wären böse und schlecht, wären wildgewordene Bestien, wandelnde Mordmaschinen und dass ich unter all diesen Monstern das einzige gute, weiße Mädchen wäre, das letzte Einhorn. Plötzlich kamen auch liebevolle Stimmen zu mir, die sagten, dass in einer anderen Welt meine wahre Familie auf mich warten würde und dass ich nur auf diese Welt kommen musste, weil ich die Menschen so sehr geliebt hätte, sie mich so sehr manipuliert hätten und das ich mich nun entlieben müsste. Sie suggerierten mir, dass mich die Menschen auf dieser Welt so sehr hassen würden, dass sie mich mit Stimmen quälen und mich glauben machen wollten der Teufel zu sein, weil das für einen guten Menschen das schlimmste wäre, wenn er glaubt dass er der Teufel ist. Ich hätte diesen Horror mit den bösen Stimmen also nur deswegen durchmachen müssen, um zu erkennen was mir die Menschen antun wollten und um so von ihnen loszukommen.
All dies führte dazu, dass ich nichts mehr für meine Mitmenschen, nichts mehr für meine eigene Familie empfand, ich sah sie vollkommen verzerrt. Immer wenn ich einen Anflug von Zuneigung für sie empfand, dachte ich „ Oh nein, ich werde es nie schaffen von ihnen loszukommen und in Freiheit und Sicherheit in der anderen Welt, in der ich zuhause bin, leben können.“ Ich sehnte mich so sehr nach diesen liebevollen Stimmen, die sich meine Familie nannten- ich war ja völlig alleine, hatte niemanden mehr.
Was noch hinzu kam war der tägliche Horrorfilm, die grauenvolle Angst, jemand würde mir etwas antun, ich hatte Angst vor all den vermeintlichen Bestien, die angeblich sofort auf mich losgehen würden, wenn sie nicht durch Schmerzen davon abgehalten würden.
Und ich wurde immer wütender und ohnmächtiger- ich glaubte dass alle Menschen mich kennen, hassen und wollen würden, dass ich und meine wahre Familie für immer gequält würden mit Stimmen und körperlichen Schmerzen. Ich liebte die guten Stimmen unendlich- sie sagten mir, dass es ein Kampf zwischen guten und bösen Menschen wäre, und dass man den bösen Menschen nicht helfen könnte, weil sie böse sein wollten, dass sie auf alles Gute herabsehen würden und uns verlächerlichen würden, aber dass sie dennoch unendlich eifersüchtig auf die Anmut und Schönheit, die ein guter Mensch durch seine Sanftmut ausstrahlen würde, wären.
Ich lebte in einem ständigen Kampf gegen alle anderen, meine Wut darüber, dass ich soviel durchmachen muss, wurde immer größer.
Die Stimmen machten mich glauben, dass die Menschen auf dieser Welt mich für IMMER foltern und quälen wollten, dass sie mich nicht würden sterben lassen, sondern immer wieder gesund pflegen würden, um mich weiter quälen zu können.
Nun war ich also auf dieser Welt gefangen, ein Opfer der Bösartigkeit aller anderen.
Alles spitzte sich für mich mehr und mehr zu, der Druck und die seelische Anspannung, mit der ich tags und nachts leben musste, wurden immer größer.
Teilweise wusste ich auch nicht, ob das Gute oder das Böse an der Macht wäre, ich hatte panische Angst, dass alle auf mich losstürzen und mich ans Kreuz nageln würden.
In diesem Zustand fing ich an, durchzudrehen- ich schrie meine Familie an und jagte ihnen damit eine unglaubliche Angst ein. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib- vor Schmerz, vor Entrüstung, vor Erschütterung über das, was man mir und meinen angeblichen Kindern, die ich in dieser anderen Welt wähnte, antun würde wollen.
Mein Vater holte die Polizei zu Hilfe, die mich ins Krankenhaus brachte, das ich aber sofort wieder verließ, sobald ich die Möglichkeit dazu hatte.
Diese Szene wiederholte sich insgesamt acht mal- ich war total am Ende mit meinen Kräften, ständig gegen meinen Willen ins Krankenhaus gebracht zu werden, war eine absolute Qual.
Für meine Familie war es bestimmt auch nicht einfach, sie redeten auf mich ein, sagten mir, dass meine Annahmen nicht stimmen würden- ohne Erfolg.
Ich war mir sicher, sie würden nur versuchen, mich zu manipulieren.
Schließlich kam es zu der Szene, für die ich zwei Jahre lang eingesperrt werden sollte.
Nach einer lautstarken Auseinandersetzung holte mein Vater wiederum die Polizei, in deren Gegenwart ich die Worte „du hast dein Todesurteil unterzeichnet“ an ihn richtete.
Daraufhin wollte die Polizei mich mitnehmen, um mich ins Krankenhaus zu bringen. Da ich sie für Monster hielt, wehrte ich mich körperlich gegen sie- ich wollte einfach nicht mehr das Opfer sein, ich wollte mich endlich zur Wehr setzen gegen die vermeintlichen Bestien.
Somit landete ich letztlich wegen einer gefährlichen Drohung und Widerstand gegen die Staatsgewalt in der Forensik.
Dort wurde eine Medikamentenumstellung vorgenommen, durch die ich nach eineinhalb Jahren, die ich in diesem schrecklichen Bewusstsein verbracht hatte, aus meinen Wahnvorstellungen in die Realität zurückfand.
Übrig bleibt nur noch die Frage: „Wie konnte das passieren? Wie konnte es mir passieren, dass ich alle Menschen für böse hielt?“
Die Antwort ist kompliziert und einfach zugleich.
Ich bin zu sensibel für diese Welt, ich konnte es nicht ertragen, dass nicht alle in Frieden und Wohlstand miteinander leben. Wenn ich mit den guten Stimmen sprach, war ich umgeben von Liebe und Harmonie. Es war absolut keine Distanz zwischen ihnen und mir.
Wie sieht es nun aber in dieser Welt damit aus?
Da gibt es sogar sehr viel Distanz und auch die Liebe, die ich bekommen hatte, war mir viel zu wenig gewesen.
Dass Distanz nichts Böses ist, konnte ich damals nicht begreifen- in dieser Welt scheint sie geradezu notwendig. Man muss sich abgrenzen gegen so vieles, sonst geht man unter.
Die eigene Persönlichkeit ginge verloren, wenn man sich auf alles und jeden einließe.
Trotzdem glaube ich auch an eine Welt, in der es nicht mehr notwendig erscheint, soviel Distanz zu halten.
Eine andere Antwort auf die Frage:“Wie konnte es mir passieren, dass ich alle Menschen für böse hielt?“ scheint mir jene zu sein, dass ich den Problemen, die ich mit meinen Mitmenschen hatte, ausweichen wollte. Denn wenn alle böse sind, muss man sich mit niemandem mehr charakterlich auseinandersetzen, man trägt auch keine Schuld mehr. Für gar nichts mehr.
Ich hatte mir meine eigene kleine Welt geschaffen, die absolut heil und perfekt war, in der alle Menschen einander liebten und halfen.
Wie soll ich also jetzt mit den bestehenden Verhältnissen in dieser Welt klarkommen, die so ganz anders sind?
Indem ich mich an die Liebe und immer wieder die Liebe erinnere, die ich in meinen Wahnvorstellungen, als ich mich in der anderen Welt wähnte, spürte.
Denn diese war absolut real. Halluzinationen sind nicht irreale Wahrnehmungsinhalte für mich, sondern ein Beweis für eine übersinnliche Veranlagung. Meine Krankheit war nicht nur schrecklich, sie hat mir auch unendlich viel gegeben, wie ich es auch in meinem Buch „Eine andere Welt- wie mich die Schizophrenie inspiriert“ beschreibe.
Ich habe demnach zufolge das Paradies, in das wir eines Tages gehen werden, bereits gesehen und gespürt- seither habe ich vor dieser Welt keine Angst mehr.
Und wenn ich auch noch so frustriert über diese Welt, in der ich gerade lebe, bin, ich weiß, wo alles enden wird, besser gesagt neu beginnen wird.
Ich habe es bereits gesehen.

Barbara Koller, 25. 2. 2012

Barbara Koller versucht mit ihrem Text einen Eindruck zu vermitteln, in welcher Bedrängnis sie durch den übermächtigen Einfluss der Stimmen lebte und wie es ihr gelingt, diese Erfahrungen zu bewältigen. Sie sagt, dass es eigentlich unbeschreiblich ist, was sie erlebt hat. Doch sie hat sich bemüht, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen, weil sie hofft, anderen Betroffen damit zu helfen.


Barbara Koller würde sich über Ihre Rückmeldung sehr freuen. Bitte schreiben Sie an stimmen@exitsozial.at , wenn Sie Frau Koller etwas mitteilen möchten. Wir leiten diese Mails an sie weiter.


Im Text erwähnt die Verfasserin ihr Buch:


Barbara Koller: Eine andere Welt – wie mich die Schizophrenie inspirierte .

Es ist 2010 im Verlag Novum Eco erschienen. (ISBN 978-3-99007-550-0)