Sozialethik und Seriosität ade – die forensische Nachbetreuung

Wie schon öfters von mir erwähnt, wurde ich, nachdem ich im Februar 2011 aus dem Maßnahmenvollzug entlassen worden war, fünf Jahre nachbetreut. Zuvor war ich für eine gefährliche Drohung und Widerstand gegen die Staatsgewalt zwei Jahre auf einer forensischen Station in der Nervenklinik inhaftiert gewesen. Es ist also schon länger her, dennoch möchte ich heute ganz bewusst in die Vergangenheit eintauchen, Rückschlüsse ziehen und ausführlicher beschreiben, wie diese Zeit für mich war. Fünf Jahre sind eine lange Zeit und ich habe mittlerweile mehr Distanz zu den Geschehnissen von damals.

Übergangswohnhaus

Während ich die letzten Monate auf der Forensik war, konnte ich immer für einen gewissen Zeitraum auf Unterbrechung der Unterbringung (UdU) gehen. Diese konnte ich laut des forensischen Personals nur über ein Übergangswohnhaus ausführen. Als ich dort hinkam, war ich erschrocken und ernüchtert. Es war ein alter, heruntergekommener ehemaliger Bauernhof, der zu einem Wohnhaus umfunktioniert worden war. Was mich aber am meisten schockierte, war, dass bis auf eine einzige Frau nur männliche forensische Patienten das Haus bewohnten. Mit mir waren wir dann faktisch zwei Frauen. Glücklicherweise konnte ich mich von diesen Männern gut abgrenzen, von denen die Mehrheit regelmäßig ein Puff besuchten. Sie reduzierten Frauen aus meiner Sicht auf ihre Körper, es war ekelhaft ihnen zuzuhören, wie plump und abfällig sie über Frauen sprachen. Es gab zwei Frauen, die nach mir in das Wohnhaus kamen, die nicht so viel Glück hatten, sich distanzieren zu können und benutzt wurden. Die Entwicklung ging in die Richtung, dass Frauen nicht nur im Haushalt, sondern auch sexuell den Männern zu Diensten waren. Die Betreuer im Wohnhaus saßen meistens vor dem Computer und kümmerten sich nur sehr spärlich um die Vorkommnisse. Diesen Frauen wurde überhaupt kein Schutz geboten, obzwar sie aufgrund ihrer psychischen Situation labil und leicht beeinflussbar waren. Ich habe während meines Verhaftet-Seins im Zwangskontext vier Selbstmordversuche von Frauen erlebt, zwei davon auf der Forensik, zwei im Übergangswohnhaus. Sie überlebten zwar alle, aber die Atmosphäre war meiner Wahrnehmung nach von Härte, Brutalität, Primitivität und Abstumpfung seitens des Personals durchdrungen. Und von Gleichgültigkeit.

Als ich im Krankenhaus mitteilte, dass ich nicht in Asten bleiben wollte, sagte man wortwörtlich zu mir: „Es ist zum Durchkämpfen!“ und mein Richter meinte daraufhin: „Dann kann ich sie nicht entlassen!“. Es war ihnen egal, was ich tatsächlich fühlte, befohlen wurde nur, sich zu unterwerfen und das schreckliche Spiel mitzuspielen. Damit wollte man sicherlich die Seifenblase stabil halten, die Gefährlichkeit des Patienten eruieren zu können, ihn unter Kontrolle zu wissen. Dabei ergeben sich, wenn ein Mensch sich derart unterdrückt, ja ganz viele Probleme. Zahlreiche männliche Patienten, unendlich resignierte Personen, starben beispielsweise durch ihre Zigarettensucht. Und wenn sich ein Mensch unterwirft, hat das keine Aussagekraft darüber, was er nur allzu verständlicherweise wirklich fühlt.

Um nochmals auf die Situation der Frauen hinzuweisen, mir hätte das genauso passieren können, dass ich mich nicht abgrenzen hätte können, das kann jeder Frau passieren. Ich weiß es wirklich, da ich mich mit dem Thema „Wahrnehmung“ intensiv auseinandergesetzt habe. Und diese Vorstellung tut einfach so verdammt weh, ich wurde von einer Riesenwelle an Mitgefühl überwältigt. Insgesamt war ich ungefähr fünf Monate im Übergangswohnhaus. Danach war ich in einer 2er WG in der Stadt, dort wohnte ich circa zweieinhalb Jahre bis ich schließlich in eine eigene Wohnung übersiedelte.

Ein mutiges Zeichen

Ein solches möchte ich setzen. „Ein mutiges Zeichen, das der Gewalt Einhalt gebietet. Ein mutiges Zeichen, das an die Nacht erinnert, die unser Feind geworden ist. Gewalt gegen Frauen TÖTET die Liebe. Und Gewalt ist nicht zu vermeiden, wenn man Menschen behandelt wie Gegenstände.“ Dieser Text ist aus einer Beverly Hills 90210-Folge aus der vierten Staffel mit dem Titel „Auf die harte Tour“.

Unter dem Leitspruch “Take back the night“ verkündet ihn die Anführerin einer Demonstration bei einer Universitätskundgebung zum Schutz der Frauen, untermalt von den Rufen „Brecht das Schweigen unserer Zeit, wehrt euch gegen die Gewalt!“

Gewalt ist nicht zu vermeiden, wenn man Menschen behandelt wie Gegenstände.

Das trifft auch sehr auf den forensischen Zwangskontext zu, da hier Menschen ständig achtlos herumgeschubst und-geschoben und übersiedelt werden. Unabhängig davon, was sie selbst wollen. Von einer WG in die nächste, von einem Wohnplatz in den nächsten, dann vielleicht wieder zurück ins Krankenhaus und dann die ganze Prozedur von vorne. Von den Konflikten in den WGs ganz zu sprechen, wenn so viele unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen.

Einmal wollte ich eine junge Frau auf der Forensik besuchen, doch als ich hinkam war sie nicht mehr da, obwohl ich ein paar Tage zuvor noch mit ihr telefoniert hatte. Sie war ohne irgendeine Vorwarnung, ganz plötzlich in eine Forensik in ein anderes Bundesland wegbefördert worden. Ich habe auch aus zuverlässiger Quelle gehört, dass sich jemand deswegen umbrachte, weil er entgegen den Anordnungen nicht versetzt werden wollte. Dies sind sicher keine Einzelfälle meiner Meinung und Erfahrung nach.

Eine menschlichere Lösung

Aus meiner Sicht halte ich es nicht für zielführend, einen Menschen, der eine Straftat begangen hat, zu bestrafen. Er hat ohnehin genug Strafe, da er sich von der Liebe in seinem Herzen wegbewegt hat.

Er braucht Hilfe, um sich seiner Lichtexistenz wieder bewusst zu werden, nicht Leute, die barsch über ihn urteilen und über ihn herrschen. Das, was ich mir einrede, wird eine emotionale Realität. Das heißt, wenn mir jemand sagt, ich sei krank und schwach und müsste jetzt auf ihn hören, damit die Situation besser wird, fühle ich mich noch labiler und ausgeliefert, wenn ich das glaube. Im Gegensatz dazu brauche ich fürwahr jemanden, der mich auf Augenhöhe begleitet, mich respektiert und wertschätzt und mich dabei unterstützt, meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Dies ist in den forensischen Stationen schlechterdings möglich, das traue ich mir wirklich zu sagen, da die Bediensteten sich meiner Ansicht nach selbst von der Liebe entfernt haben. Und über dieses Bewusstsein nicht verfügen. Zu Meditation und Gebet könnten die Patienten geführt werden, aber ohne Zwang. Und wenn jetzt jemand behauptet, dass es nur mit Zwang funktioniert, dann sage ich: „Ja, unter diesen Lebensbedingungen und mit diesem Umgangsjargon versuchen die Patienten sich selbst zu schützen und haben natürlich kaum die Veranlassung, sich auf etwas einzulassen.“

Es ist nicht egal, was sie denken und wollen. Es ist nicht die Hauptsache, dass sie gehorchen, nur damit andere Macht haben. Vielmehr sollen sie auf ihre eigene weise innere Stimme hören, sich selbst und ihrem gesunden Ich begegnen, es lieben und heilen. Es wird einem so unglaublich schwer gemacht, wieder frei zu kommen, man muss so viele Hürden meistern. Meine Gefühle während des Zwangskontextes lassen sich mit einer Szene aus „Vom Winde verweht“ am besten darlegen. Scarlett alias Vivien Leigh schreit: „Gott ist mein Zeuge, ich lass mich nicht unterkriegen. Ich will es überstehen und wenn es vorüber ist, will ich nie wieder fremdbestimmt sein! Ich will nie wieder fremdbestimmt sein!“ (im Original: „… nie wieder hungern!“). So konnte ich mich befreien.

Die Reform

In den Blog-Einträgen vom August 2021 und November 2021 habe ich meine Reformvorschläge für den Maßnahmenvollzug veröffentlicht. Ich hoffe wirklich, dass eine umfangreiche Reform in Österreich noch folgt, die bisherigen Änderungen sind aus meiner Sicht sehr minimalistisch ausgefallen. Ihr könnt euch auch auf Youtube : „Die Forensik ist irrsinnig geworden!“ von Dr. Regina Möckli ansehen. Ihre Schilderungen als Psychiaterin auf der Forensik kann ich gut nachvollziehen.

Wenn ich das alles schreibe, bemerke ich, dass vieles immer noch wehtut. Ich weiß, ich kann nichts dafür, aber es tut mir so leid, dass ich das Leiden von anderen nicht verhindern konnte. Ich hege gegen niemanden Hassgefühle, ich wünsche allen alles Gute, das möchte ich an dieser Stelle festhalten. Sowohl den Patienten, als auch dem Personal.

Ich bin dafür, dass wir frohen Mutes in ein neues Zeitalter aufbrechen, dieser Gedanke gibt mir so große Hoffnung. Dass auch das Gesicht der Forensik neu gestaltet wird. Es macht zwar vieles nicht ungeschehen, aber letztendlich wird alles gut werden. Ich glaube daran, dass wir uns aus freien Stücken auf unsere Erdenleben einlassen und dieser Aspekt wirft Licht auf diese verfahrene Situation.

Wir können so viel bewirken und verändern, jeder Einzelne von uns. Wir haben die Kraft dazu. Wir lassen eingefahrene, verstaubte Denkweisen hinter uns und tauchen in ein neues Bewusstsein ein.

Und formen ein neues, lichtvolles Bild dieser Welt. Verzichten auf Kindergarten-Machtspielchen.

Bekennen uns zu Frieden und Liebe. Und lernen deren ungeahnte Dimensionen kennen …

Alles Liebe und Gute euch allen!

 

Namaste

 

 

Barbara

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Kommentare: 2
  • #1

    Monika-Maria (Freitag, 19 Mai 2023 12:56)

    Liebe Barbara,
    ja deine Beschreibungen gehen (immer wieder) unter die Haut. Ich kenne sie teilweise aus deinem Buch. Dabei ist es mir unmöglich ruhig und gelassen zu bleiben, wenn ich das lese.
    Dass in solchen Einrichtungen das Ausüben von Gewalt eine überdimensionale Rolle einnimmt vermute ich schon lange. Dass es jedoch so dramatisch ist, schockiert mich zutiefst.
    Menschen welche mit Machtgehabe und, ich bin die /der Stärkere Mentalität agieren, sind wohl mehr als fehl am Platz. Mir scheint, dass die seelisch ohnehin schwer Beeinträchtigten, und traumatisierten Patienten so behandelt werden, dass ihr Wille endgültig und nachhaltig gebrochen werden soll. Vor einigen Wochen habe ich zu diesem Thema eine Fernsehdokumentation angeschaut. Es haben Betroffene ebenso wie deren Eltern oder Angehörige gesprochen.
    Alle ihre Aussagen und Erzählungen waren deckungsgleich, ebenso mit deinen gemachten Erfahrungen. Wer andere Menschen erniedrigen muss, um sich selbst zu erhören, haben wohl in solchen Einrichtungen, in denen Menschen für das Leben, den Alltag wieder aufgebaut werden sollten, nichts verloren, aber rein gar nichts.

    Herzlichste Grüße und nur Schönes wünsche ich dir
    Monika-Maria

  • #2

    Barbara (Freitag, 19 Mai 2023 14:26)

    Liebe Monika Maria, danke für dein Bemühen und deine Bereitschaft, dich einzufühlen und zu verstehen. Je mehr das Interesse und Mitgefühl einer breiteren Öffentlichkeit angesprochen werden kann, desto eher gibt es eine Chance auf Veränderung der bestehenden Verhältnisse. Sobald jemand unerwartet selbst mit diesem System konfrontiert wird als Angehöriger oder Betroffener, ist das Erschrecken oft enorm, da niemand damit rechnet, dass es ihm passieren könnte. Und unter einem " geistig abnormen Rechtsbrecher" stellen sich die meisten ein kriminelles Ungeheuer vor. Diese Fehleinschätzung wurde von dem Personal niemals öffentlich korrigiert.
    Ich wünsche mir, dass Menschen sich bewusst werden, dass Hilfe zur Selbsthilfe auf Augenhöhe wahre Heilung bringt.

    Ich danke dir nochmals für deine Gedanken und freue mich über deine Anteilnahme.
    Ganz liebe Grüße Barbara