Reformvorschläge für den Maßnahmenvollzug Teil 2

Wie beim vorletzten Mal versprochen, gibt es nun den zweiten Teil meiner Reformvorschläge für das forensische System. Ich vertrete meinen Standpunkt nicht als unwiderrufliche Geste der Unversöhnlichkeit oder des unabwendbaren Missmutes, sondern will meine Bedürfnisse artikulieren und betonen. Dieser Wunsch kommt weniger aus der Verbitterung, sondern vielmehr aus der Haltung, zu mehr Menschlichkeit aufzurufen sowie dazu anzuhalten, der Herzlosigkeit, Kaltschnäuzigkeit und Feindseligkeit gegenüber psychisch kranken Menschen, die eine Straftat begangen haben, Lebwohl zu sagen.

Es ist, denke ich, sehr wichtig, bei sich zu bleiben und den Blick auf sich selbst zu richten, anstatt irgendjemanden zu verurteilen.

 

 

Ich habe die Schwerpunktbereiche erneut in Abschnitte unterteilt:

Gutachterentmystifizierung

Zu glauben, dass das Fachwissen eines Gutachters seine Neutralität und Glaubwürdigkeit sichert, ist meiner Ansicht nach schlichtweg eine Illusion. Denn oft beurteilen Richter die Situation so, als ob der Gutachter die absolute Wahrheit über den Patienten herausfinden könnte. Und das, obschon jeder Mensch eine andere Wahrnehmungsbrille hat, durch die er andere sieht und einschätzt. Meine Erfahrung in diesem Bereich war, dass auch die Gutachter nicht davor gefeit waren, willkürlich nach Sympathie und Antipathie zu entscheiden. Es ist erschütternd und irritierend, wie realitätsverzerrend und fehleranfällig ein psychiatrisches Gutachten sein kann. Außerdem glaube ich kaum, dass sich ein Gutachter in einer einzigen Stunde eine ausreichende Meinung, die wirklich aussagekräftig, wirklichkeitsgetreu und maßgebend sein kann, bilden kann. Überdies werden Psychosen und Spiritualität, belanglose Verärgerung und Wut des Öfteren als Merkmal der Gefährlichkeit eingestuft sowie das Erzählen von Mobbingerfahrungen häufig als Verfolgungswahn gedeutet wird, was ich ebenso bedenklich finde. Je kleiner das Weltbild dieses Gutachters, der definitiv ein Mensch ist, war, desto heftiger fiel meistens seine Diagnose aus. Es sollten mehrere Gutachter für jeden Patienten bestellt werden und der Patient sollte auch bei der Auswahl ein Mitspracherecht unterhalten. 

Stärkung der Glaubwürdigkeit des Patienten

Man stelle sich vor, eine in der Gesellschaft angesehene Person, die einen Beruf ausübt und als psychisch gesund erachtet wird, zeigt eine psychisch kranke Person an. Meiner Beobachtung nach wird, wenn hier Aussage gegen Aussage steht, sofort und ausschließlich der Person Recht gegeben, die in der Gesellschaft funktioniert und Ansehen genießt. Psychisch Kranke sind im Rechtssystem nicht nur nicht angesehen und gelten als vertrauensunwürdig, sie werden als geistig abartige Menschen bezeichnet. Ich weiß das, da ich vor meiner Verhandlung einen Brief vom Gericht, in dem ein diesbezüglicher Paragraph zitiert wurde, erhalten habe. Was nun aber, wenn die angeblich psychisch kranke Person, die Straftat, die ihr vorgeworfen wird, gar nicht begangen hat? Solche Fälle sind sicherlich schon passiert, bei Mobbing oder wenn jemand einen anderen zum Beispiel mundtot machen wollte.

     Denn sobald die beschuldigte Person sich auf einer forensischen Station befindet, ist ihre

     Glaubwürdigkeit buchstäblich vernichtet, sie wird als psychisch labil und gestört gesehen und

     auch so behandelt. Sie wird nicht mehr ernstgenommen, sondern fernerhin völlig entmündigt.

     Und sie muss sich auf der Station monatelang aufhalten, bevor die Verhandlung, bei der über die

     Einweisung entschieden wird, überhaupt stattfindet. Das ist die unvorstellbar kaltblütige

     Vorgangsweise der Maßnahme, doch wer evaluiert dieses Maß? Menschen können sich irren,

      doch auf der Forensik wird alles, was der Gutachter und in Folge dessen, was das Gericht sagt, als

      unumstößliche Tatsache festgelegt, das Personal verhält sich, als ob es sich nicht irren kann, alles

      MUSS stimmen.

      Die Glaubwürdigkeit der psychisch kranken Person ist also durch ihre psychische Verunsicherung  

      und durch die (vermeintliche) Straftat zerstört.  

      In diesem Bereich müsste sich sehr viel ändern: Die Denkweise über psychische Krankheiten,

      der Respekt vor einem psychisch kranken Menschen, Verbesserung seiner Rechtslage, Zuerkennung seiner       Glaubwürdigkeit oder zumindest eine Auseinandersetzung damit.

Finanzielles Mindesteinkommen für die  Patienten

Während meiner Gefangenschaft in dieser „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“, wie die Forensik unverhohlen und geringschätzig auch genannt wird (denn wer legt fest, was „geistig normal“ ist?!), hatten die meisten Patienten fast überhaupt kein Geld zur Verfügung, denn Einkünfte wie Mindestsicherung, erhöhte Familienbeihilfe und Pflegegeld waren stillgelegt, von der Berufsunfähigkeitspension wurde, wenn jemand eine hatte, ein kleiner Prozentsatz ausbezahlt. Als „Taschengeld“, wie ich es formulieren möchte, bekamen die Patienten circa  36 Euro für ein ganzes Monat. Es war eine Zumutung, wie klein die Patienten gehalten wurden, ein Hohn, zumal für Therapien, wie die Arbeit im Sozialcafé, auch nur ein Euro pro Stunde ausbezahlt wurde. Patienten, die starke Raucher waren, konnten sich davon noch nicht einmal ihren Zigarettenkonsum finanzieren, geschweige denn sich beim Ausgang etwas kaufen. Es grenzte an Ausbeutung und Knechtschaft, löste Abhängigkeit aus und Fremdbestimmung.

 

Ich vertrete den Standpunkt, dass Patienten zum einen einen korrekten Stundenlohn erhalten müssten und zum anderen ihre Einkünfte ausbezahlt bekommen sollten. Wenn das Einkommen eine gewisse Mindestgrenze übersteigt, sollte von den Patienten ein Tagessatz für die Verpflegung im Krankenhaus geleistet werden. Damit wären ihre Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit gestärkt und ihre Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit wären bekräftigt.

Ausbruch aus dem konventionellen Betreuungsschema

Nach meiner Entlassung aus dem Maßnahmenvollzug wurde ich unglaubliche fünf Jahre nachbetreut. Ich nahm es wahrhaftig als inadäquat wahr, dass es in der Nachbetreuung

keine individuell auf den Klienten zugeschnittenen Maßnahmen gab, vielmehr galt für alle dasselbe Prozedere unabhängig von der psychischen Entwicklung oder Zuverlässigkeit des Klienten. Darüber hinaus fand ich es auch untragbar, dass die Klienten nicht in die Öffentlichkeit zurückintegriert wurden, sondern immer nur untereinander in abgesonderten Gruppen Treffen mit Betreuung stattfanden. Es wurde einfach kaum Aufklärungsarbeit geleistet. Zugleich wurden den Klienten keine Förderungen angesichts etwaiger konstruktiver Zukunftsperspektiven seitens der Betreuungsfirma zuteil. Die Atmosphäre für viele Klienten war demotivierend, antriebslos und voller Resignation.

Es sollte definitiv weniger der Zwangskontext im Vordergrund stehen, sondern die tatsächliche, in aller Bescheidenheit stattfindende Unterstützung der gesunden Anteile der Klienten, die trotz Symptome und Delikte heil und ganz sind und es auch immer waren!!! Nur weil ihre Seelen eine Erfahrung gemacht haben, die sich viele nicht vorstellen können, sind die Klienten auf keinen Fall auf die Arroganz und Selbstgerechtigkeit der Betreuer angewiesen!! Keine Bevormundung, sondern Begleitung auf Augenhöhe wäre wünschenswert!

Das Hauptaugenmerk der Begleitung sollte auf die positiven Seiten, die Stärken der Klienten gerichtet sein, nicht immer auf ihre Straftaten.

Sowohl auf der Forensik als auch in der Nachbetreuung sollte unterschieden werden zwischen schwerwiegenden und eher leichten Fällen. Die meisten Klienten, die ich kennenlernen durfte, waren wegen einer gefährlichen Drohung inhaftiert gewesen, waren geläutert, äußerst sensibel, seriös und sehr nett. Die Medien hingegen schlachten immer nur die schrecklichsten Fälle aus, sodass in der Gesellschaft ein völlig falscher Eindruck entsteht.

Ferner ist es auch unmoralisch, dass die Nachbetreuungsfirma eine GesmbH ist, die Geld dafür bekommt, Klienten zu betreuen und daher wenig Interesse an früheren Entlassungen oder Lockerungen hat. Unerträglich ist es für viele Patienten bis heute, dass sie sich ihren Arzt in der forensischen Ambulanz nicht selbst aussuchen können und bei den Medikamenten ähnlich starrsinnig und unflexibel entschieden wird, wie auf der Forensik. Obendrein empfand ich es als sehr demütigend, dass ich alle drei Monate einen Nachweis über eine Blutspiegelbestimmung, mit dessen Hilfe kontrolliert werden sollte, ob ich die Medikamente einnehme, in die forensische Ambulanz mitbringen musste.

Umdenken in der Gesellschaft

Die Gesellschaft hat in jedem Fall einen riesengroßen Einfluss darauf, wie die Lebensbedingungen der Patienten aussehen. Wenn die Gesellschaft hinter dem Reformbedarf des Maßnahmenvollzugs stehen würde, würde nicht nur das Geld in die Hand genommen werden, um sinnvolle Veränderungen vorzunehmen, sondern es würde bestimmt generell mehr Humanität in diesen Bereich einfließen.

Die forensische Station war ein Spiegelbild der negativ abwertenden Einstellung, die viele Menschen in diesem Land gegenüber psychisch kranken Straftätern vertreten. Es stimmt mich sehr traurig, wenn man bedenkt, dass unsere Gesellschaft automatisch Menschen hervorbringt, die am Rand leben. Ich bin mir sicher, dass man auch Straftaten vorbeugen helfen könnte, darum plädiere ich für den Leitspruch: „Jeder Mensch, ohne Ausnahme, muss anerkannt und wertgeschätzt werden!“

 

Deshalb möchte ich jeden einzelnen darum bitten und dazu auffordern, in sich zu gehen und sich bewusst zu machen, dass es jeden treffen kann, ein traumatisches Schicksal zu erleben. Und was man sich dann wünscht, sind Hilfe und Unterstützung, nicht Strafe und Verachtung, oder?

 

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass es sicherlich sehr zielführend wäre, wenn die Gesellschaft mehr Einblick in forensische Anstalten bekommen würde. Wenn es mehr Menschen gäbe, die Patienten besuchen würden und sich ein Bild machen würden von vielen leidvollen Einzelschicksalen und von äußerst liebenswerten Menschen, wie ich finde. Ich glaube, dann könnte sich die Missbilligung in Mitgefühl verwandeln und die Vorurteile könnten sich in Weitsicht und Horizonterweiterung auflösen. Denn es ist wirklich keiner von der Möglichkeit irgendeiner Erfahrung ausgenommen. Anstatt Angst zu haben und zu verurteilen, wäre es schön, wenn Menschen über ihren eigenen Schatten springen könnten, um sich ohne Vorbehalte zu begegnen und die Unterschiedlichkeit unserer Persönlichkeiten und Erfahrungen zu erkunden und dennoch all die Gemeinsamkeiten zu entdecken. 


Ich persönlich möchte nach dem Motto leben: „Hören wir auf, einander abzuwerten, zu beneiden, vorzuverurteilen und uns zu vergleichen, sondern feiern wir uns alle und das Leben, denn es ist so kostbar!!!!

 

       Barbara Koller mit Beiträgen von Michael Jansky


Vielen Dank für euer Interesse und eure Aufmerksamkeit! Ich freue mich schon auf nächstes Mal!!

 

Schöne Grüße,

 

 

Barbara

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