Über das Phänomen Stimmenhören

Verschiedene Sichtweisen

 

Stimmenhören ist eine besondere menschliche Wahrnehmungsform, die zwar Leiden hervorrufen kann, unter günstigen individuellen und sozialen Voraussetzungen aber das Leben bereichern kann.


Leider wird Stimmenhören vielfach ausschließlich als Symptom psychischer Krankheit betrachtet und Betroffene werden, aus Mangel an Aufklärung, als Verrückte stigmatisiert.

In unserer Geschichte, sowie in vielen Kulturen ist anerkannt, dass außergewöhnliche Persönlichkeiten Stimmen hörten (Sokrates, Mohammed, Jeanne d’Arc, Theresa v. Avila, Rainer Maria Rilke, Hildegard von Bingen).

 

Bisweilen ist bekannt, dass Trauernde die Stimme eines verstorbenen Angehörigen hören können. Aber auch Menschen mit traumatischen Erfahrungen hören häufig Stimmen. 

Stimmenhörer:innen sind also nicht zwangsläufig psychisch krank. Forschungen belegen, dass viele stimmenhörende Personen psychisch gesund sind.

Untersuchungen von Marius Romme und seinem Team zeigen, dass Stimmenhörer:innen, die psychiatrische Unterstützung benötigten, Stimmen besonders negativ und bedrohlich erlebten. 

Weiters zeigt sich, dass manchen Betroffenen, die als psychotisch oder schizophren diagnostiziert wurden, die Behandlung mit Psychopharmaka Erleichterung bringt, andere leiden trotz der Medikamentenbehandlung weiterhin unter den Stimmen.


Drei Phasen des Stimmenhörens

 

Stimmen treten unterschiedlich häufig auf, besitzen verschiedene Charaktere, können flüstern, schreien, drohen, erniedrigen und vieles mehr. Sie treten einzeln auf, reden durcheinander oder im Chor. Manchmal sind sie bekannt, haben einen Eigennamen und manchmal sind sie vage. 

 

Trotz der Vielfalt der Erfahrungen gibt es Gemeinsamkeiten, wie Stimmen erlebt werden und wie die betroffene Personen darauf reagieren.

 

1. Erschrecken

 

Viele Betroffene beschreiben den Beginn des Stimmenhörens als erschreckendes und beängstigendes Erlebnis. Sie erinnern sich exakt an den Tag, an dem sie zum ersten Mal eine Stimme hörten. Geschehen kann das in jedem Lebensalter. 

Man weiß mittlerweile, dass Stimmen häufig von traumatischen oder emotional belastenden Ereignissen wie  Unfall, Todesfall, Missbrauch oder Krankheit ausgelöst werden.

Manche Betroffene betrachten ihre Stimmen als hilfreich und rufen ein Gefühl der Vertrautheit hervor. In diesem Fall bestärken die Stimmen und werden als positiver und verständlicher Aspekt vom eigenen "Ich" erlebt.

Andere erleben ihre Stimmen als aggressiv und negativ, wie feindliche Kräfte und können somit nicht als Teil ihrer selbst akzeptiert werden. Stimmen können in diesem Fall ins geistige Chaos stürzen und Beziehungen zur Außenwelt schwer stören. 

Manche Stimmenhörer:innen wagen nicht, über ihre Erfahrungen zu sprechen, weil die Stimmen ihnen ein "Mitteilungsverbot" erteilen. Betroffene befürchten danach eine Verschlechterung oder als wahnsinnig abgestempelt zu werden, wenn sie laut aussprechen würden, Stimmen zu hören.
In dieser Phase ist es besonders wichtig, sich Unterstützung zu holen. 

2. Wege suchen, mit den Stimmen auszukommen

 

Mit der Zeit ist es möglich, Wege zu suchen, um besser mit den Stimmen zu leben. Verschiedene Formen von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen können sehr hilfreich sein.

Stimmen können gewaltig verwirren und Betroffene versuchen, vor ihnen zu fliehen. Dabei ist in dieser Phase die bewusste Akzeptanz unumgänglich, auch wenn man nicht mit dem Inhalt der Stimmen einverstanden ist.

Empfehlungen:

  • selektieren und entscheiden > nur auf bestimmte (positive) Stimmen hören 
  • aktiv in den Dialog mit den Stimmen treten
  • sich mit den Stimmen verabreden (zeitliche Eingrenzung)


Wie verhält man sich gegenüber Stimmen, die erniedrigen, schädliche Ratschläge geben und zu unklugen Taten anregen?

 

> Sich immer wieder bewusst machen:

 

  • NIEMAND muss einer Stimme blindlings folgen! 
  • RECHT auf Selbstbestimmung gilt auch allen Stimmen gegenüber!


3. Psychische Stabilität und Selbstbewusstsein erreichen

 

Betroffene können die Stimmen mit ihrer Lebensgeschichte in Verbindung bringen.


In diesem Stadium der inneren Ausgeglichenheit betrachten Betroffene ihre Stimmen als Teil ihres Selbst: "Ich höre Stimmen, kann damit leben und mich vielleicht sogar darüber freuen. Ich beherrsche die Stimmen."

Damit ist die Grundlage geschaffen, sich ein Leben nach eigenen Wünschen aufzubauen, ohne sich von den Stimmen beeinflussen zu lassen.